Dienstag, 17. Oktober 2017

Meine Woche 2017 - 40/41 - mit Anmerkungen zu Kultur

30.09.17 Keramikkunst, japanischer Tee, Blätterteiggebäck auf Bauhaus-Tisch mit Stenz. Dass ich den wiedergefunden habe, ist tiefempfundenes Glück. Ich bekam ihn vor 40 Jahren von einem Kommilitonen geschenkt. Und Bauhaus mag ich. In Deutschland gegründet, von Anfang an aber mit internationalen Künstlern besetzt und von ihnen geprägt und über Deutschland weit hinaus wirkend.
01.10.17 Ein herbstliches Mandala im Garten gelegt. Ursprünglich stammt das Mandala aus Indien. Die von mir geliebten Fensterrosen der gotischen Kirchen, die mich schon immer an Mandalas erinnerten, sind auch gar nichts genuin Deutsches.








Prieros - Berlin - Köln - Westerwald - Speyer (mit Abstecher an die Murg) und zurück in drei Betten und 10 Tagen... Ich nannte es (m)eine kleine "Bildungsreise". Da habe ich doch gleich mal ein paar Kultur-Spuren gesammelt. Astrid hat das Thema "unsere Kultur" in den Ring geworfen. Und ich tue mich schwer, fühle ich doch viel eher als Europäerin - als Kosmopolitin fehlt mir leider noch viel Welt-Erfahrung, als dass ich mich schon so nennen könnte, ich wäre gerne eine. Wir sind eine Welt. Und mit einer so unglaublich großen Vielfalt an kulturellen Ausprägungen beschenkt...



 
Meine nackte alte Fliederfrau im Garten hat sich ihr im Sommer angezogenes Weinkleid herbstlich gefärbt. Fast "züchtig" sieht sie aus, aber nur fast... ;-) Gehörte "Züchtigkeit" mal zur deutschen Kultur? Meine Oma gebrauchte das Wort noch und es war mir unangenehm, weil es nach Prüderie und einem Zwang klang, dem ich mich nicht unterwerfen wollte.

 
2.10.17 Für mich lange Zeit ein Inbegriff von "Unkultur": Bücher wegwerfen. Aber ich sehe ein, manche gehören tatsächlich nur noch ins Recyclingpapier, immerhin. Und die Hardcover dürfen neue Bücher einkleiden. Falls Aufräumen und penible Ordnung tatsächlich zur deutschen Kultur gehören, ist das bei mir nicht sehr ausgeprägt.


03.10.17 Abschied auf Zeit vom heimischen Wald. Den "Sonntagsspaziergang" - den könnte ich als Bestandteil unserer Kultur gut aushalten. Aber ich weiß viel zu gut, dass auch in anderen Ländern spaziert wird. Gut so.



4.10.17 Abfahrt. Nächtens allein auf einsamen Bahnhöfen warten zu müssen, war noch nie eine Lieblingsbeschäftigung von mir... Da gehe ich lieber abends allein im Wald spazieren. Auf dem Berliner Hauptbahnhof wurde es dann lebendiger, internationaler und es ging mir besser.








Mein Handeln sehe ich durchaus im universalen Zusammenhang. Alles, was wir tun, hat Auswirkungen, auch an ganz anderen Enden der Welt. Ob das unser andere Menschen ausbeutendes oder zumindestens benachteiligendes Kaufverhalten ist (das dazu beiträgt, indigene Kulturen auszurotten), oder aber auf der Gegenseite auch all die guten Gedanken, Projekte und Energien, die wir in ein friedliches Miteinander innerhalb unserer Grenzen und über diese hinaus investieren. Konkurrenzdenken jeglicher Art und daraus folgendes Handeln gegen die Interessen von anderen - das ist mir als Mensch immer fremd geblieben. Ein Sinnbild für universale Kultur in ihrer Vielfalt ist mir die Musik. Meine Mutter sang aus einem vielbändigen Werk "Die Stimmen der Völker in Liedern". Jedes deutsche Sinfonieorchester ist heute ein internationales. Und dennoch sind die Werkinterpretationen nicht austauschbar.






5.10.17 Auf dem Köln-Junkersdorfer Friedhof am Familiengrab der vorangegangenen Generationen. Ich mag Friedhöfe. Ihren Frieden. Und wenn sie Bäume haben, alte Bäume. Aber in anderen Ländern gibt es auch solche Friedhöfe. Aber auch andere, in meinem Empfinden seltsame.


Ich halte mich absolut für einen kulturvollen und kulturell überdurchschnittlich interessierten Menschen. Deutschsprachige Dichter, Künstler, Musiker, Denker, Philosophen, Wissenschaftler, viele darunter, die mir eine Menge bedeuten (und von vielen kann ich gar nicht auf Anhieb sagen, ob sie nun tatsächlich "Deutsche" sind. Das hat mich hinter Person und Werk nicht sonderlich interessiert.) Ich wundere mich allerdings immer (noch), dass überraschend viele Jugendliche und junge Erwachsene heute kaum noch solche Namen kennen und wenn doch, dann nichts weiter... 

Ich liebe Buchhandlungen mit Leseplätzen und Cafés. Am Kölner Neumarkt ist so eine. In Japan gibt's die aber auch, Buchhandlungen mit Leseplätzen und Cafés. Und da liebe ich die genauso, auch wenn ich viel weniger verstehe.




Mit Petra im BASTIANs stundenlang philosophiert, über Stille und Einsamkeit z. B. und was sie uns geben und wie sie uns fordern. Über Kunst. Wenn das Philosophieren zur deutschen Kultur gehört, gerne mehr davon. Eine Kultur ohne Philosophie wäre mir fern. Eine ohne Kunst genauso.

6.10.17 Einer meiner Lieblinsplätze in Köln - In die Domhüttenwerkstätten schauen. Kulturdurchdrungen. Handwerk und Künste. Auch die Kaffeepause der Bildhauer und anderen Handwerker unterm Wein und nicht am x-beliebig austauschbaren Imbissstand.
Noch ein Kölner Lieblingsplatz: Ludwig im Museum. Museen sind Kultur und ohnehin schon toll und wie gut, dass es in Deutschland so viele davon gibt. Aber mit Museumscafés sind sie noch besser, zum Wieder-Erden nach der jeweiligen Ausstellung. Aber auch ohne Ausstellung ein kulturvoller Treffpunkt. Diesmal mit Astrid und Mila und dem Gefühl, doch zu wenig Zeit gehabt zu haben, um sich in ein paar Themen richtig reinzuhängen... Bald wieder, so.
7.10.17 Mein Blick aus dem Fenster. Seminarhaus Schwarzpappelhof in Rott im Westerwald. So liebevoll restauriert und in der Verbindung zur Natur so stimmig schön. Kultur. Hat Kultur vielleicht eher mit Menschen als mit deren Nation zu tun?
8.10.17 Der eigenen Lebenslinie nachspüren. Sich angstfrei, aber sich einfühlend und berühren lassend, mit dem eigenen Tod beschäftigen. Da braucht unsere Kultur Nachhilfe.
9.10.17 Ortswechsel. Speyer. Die auffällig vielen italienischen Eiscafés sind überaus frequentiert, auch von Einheimischen, nicht nur von Touristen. Hach, lecker. Meine kleine von Italienern geführte Pension hatte allerdings meine Buchung verschusselt. Mir dann aber trotz faktisch ausgebuchtem Haus innerhalb einer halben Stunde ein schnuckliges Einzelzimmer freigetauscht, das ich ohne Umziehen von einem Zimmer ins andere 6 Tage bewohnen konnte...
Ich schätze Hotels mit Schreibtisch über die Maßen sehr. Finde das aber selten so vor in deutschen Hotels. Schlage ich zur Aufnahme in unsere Kultur vor. Dass der Fernseher zur Standardeinrichtung eines Hotels gehört, scheint mir dagegen für unsere Kultur verzichtbar.
10.10.17 Judenhof in Speyer. Judenhass ist mitnichten eine Erfindung erst des Dritten deutschen Reichs. Diese Grabsteine eines jüdischen Friedhofs in Speyer wurden schon im Mittelalter geschleift und als Baumaterial verwendet. 50 hat man inzwischen aufgespürt und z. T. geborgen und ihre Geschichten aufgeschrieben, wie in diesem Museum. Das ist auch unsere Kultur, dass sie sich ihren auch unrühmlichen Seiten aus Vergangenheit (und Gegenwart) stellt, sie nicht vergisst, dass sie mahnt, gedenkt und erinnert. Das ist mir sehr wichtig.
11.10.17 Ich besuche Birgitt und wandere mit ihr hoch hinauf über die Murg. Sie war mir eine so fürsorgliche Gastgeberin und hat mich sehr verwöhnt. Dankeschön... Gastgeber sein können, freundlich, einfühlsam und offen, auch das ist Kultur. 
12.10.17 Der erste Kurstag in Speyer. Ecoprint, mit Rost. Mehr dazu hier. In einem alten Industriehof. Mit Apfelbäumen! Ein Industriehof, der so am Leben bleibt und eine herrlich bunte Mischung an Handwerk, Professionen und Gewerbetreibende nicht nur deutscher Nation beherbergt. Lebendig. Und na klar, mit gut frequentiertem italienischem Eisladen gleich um die nächste Ecke, unter einem riesigen Walnussbaum. Wie ein Hausbaum. Gehört der Hausbaum zur deutschen Kultur? Es sollte mehr zu seiner Rettung getan werden. Er stirbt sonst aus vor lauter Beton und Zwerggehölzen.
13.10.17 Rost, Zwiebelschalen, Rosenblätter und Eukalyptus. Der wird inzwischen auch in Deutschland gezogen, so dass irrwitzige Transportwege entfallen und er dennoch für Floristik und für die Pflanzenfärberei zur Verfügung steht (hier färbt er orange auf Wolle). Die Pflanzenfärberei ist eine Kultur für sich, und die sich ihr heute widmen, ehren ihre über die ganze Erde verbreitete Kulturgeschichte, indem sie sie erforschen und weitertragen, nicht erzählt, sondern gemacht. Und weiter experimentieren. Das mag ich.
14.10.17 Die Eukalyptus-Blauholz-Drucke auf Wolle werden aus den verschnürten Rollen ausgepackt. Was für Herrlichkeiten...
Abends bei "meinem" Italiener, allein, als Frau. Leckeres Pasta-Menü mit unglaublicher Walnuss-Sahne-Sauce und ein Schoppen Rosé. Mein ganz privater Reise-Abschiedsabend. Wie habe ich ihn genossen.
15.10.17. Letzter Abend im Kurs bei Brunhilde Scheidmeir. Eine der schon sehr weit fortgerschrittenen Schweizer Teilnehmerinnen zauberte... Pflanzenfärberinnen pflegen internationalen Austausch und geben auch im Ausland Kurse. Und dennoch hat jede einzelne von ihnen ihre ganz spezifische Färbephilosphie, -kultur, -richtung und -technik. Faszinierende Vielfalt.



Kultur
Samstagsplausch

Kommentare:

  1. Ganz grossartig, die Drucke. Manche sehen aus wie gewebt/gewoben ;-)
    Herzliche Grossstadtgrüße!

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  2. Nun habe ich diese deine Woche doch noch ein bisschen mehr miterlebt ( bei meinen Insta-Versuchen blieb ich einfach nicht am Ball ). Und deine Gedanken und Überlegungen sprechen noch einmal Dinge an, die ich auch schätze, aber in meiner Liste vergessen habe ( Philosophieren! Hausbaum! Schreibtische! ). Also eine Bereicherung für die digitale Diskussion.
    Dein Rendezvous zum Diner mit dir selbst: so schön!
    Herzliche Grüße!
    Astrid

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  3. Mein Verständnis von Kultur ähnelt deinem ungemein! Ich ringe noch um die richtigen Worte. Es fällt mir so schwer diesen Begriff greifbar zu machen. Schwere Themen zu erkämpfen und ein gängig zu machen... Das ist Lehrerkultur.

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    1. Das sollte nicht kämpfen heißen... erklären...Wieso weiß mein Handy ständig bessere Wörter als ich? Auch über Abstände sind wir uneins.

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  4. Ein schöner und umfassender Kulturspaziergang. Ich kann nur von Herzen zustimmen. So hattest Du eine mit vielfältiger Kultur angefüllte Zeit.
    LG
    Magdalena

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  5. so viel zu sehen und zu lesen. und alles stimmig und nachdenkenswert. deine kultur ist auch die meine.
    ich komme nochmal wieder zu den anderen posts...
    liebe grüße
    mano

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  6. Eco Print - das möchte ich auch einmal probieren!

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  7. Danke, liebe Ghislana, für diesen feinen Spaziergang durch Deine Woche und auch durch die Kultur. Ich finde es ebenso verwunderlich, dass so viele Poeten und Literaten in Vergessenheit oder Unkenntnis geraten...wie ich gehört habe, lesen Schüler im Gymnasium keine vollständigen Werke mehr, auch an der Uni werden Zusammenfassungen bevorzugt...für mich unvorstellbar! Denn wie soll man in die Literatur einsteigen, sie fühlen und nachempfinden, wenn man sie nich in ihrer Ganzheit kennt? So versuche ich mein Bestes und lese vor und lese vor und lese vor....Sei herzlichst gegrüßt, Taija

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  8. Die schönen Bilder hatte ich ja schon bewundert, aber dein Text dazu gefällt mir sehr. Du sprichst mir aus der Seele & ich denke, dass gerade Kultur ohne das Internationalistische, ohne den Austausch mit anderen überhaupt gar nicht möglich wäre. Unbedingt mal wieder mit mehr Zeit treffen! LG mila

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  9. Kreativer und kommunikativer kann eine Woche wohl kaum sein. Ich bewundere immer wieder deine Energie, aber wahrscheinlich schöpfst du gerade daraus deine Kraft.
    Liebe Grüße

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  10. Ja, eine sehr schöne Woche und ja, Judenhass gab es schon immer und vor allem bei der so beliebten österreichischen Kaiserin Maria Theresia mußte die Juden sogenannten Judenhüte tragen.

    Aber so akribisch, wie bei den Deutschen wurde die Judenverfolgung noch nie durchgeführt.

    Lieben Gruß Eva

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  11. Was du unterwegs bist. Ich habe gerade beim Lesen fast die Luft angehalten. Über Kultur habe ich auch schon nachgedacht und mich gefragt, was ich daraus/daruber schreiben soll. Immer wieder rühre ich dieses Thema um.
    Hab eine schöne Woche
    Andrea

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Ich freue mich sehr über eure Gedanken. Leider jetzt auch bei mir mit Sicherheitsabfrage. Mir wird das "Müll-Schaufeln" zu viel...
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